KINETISCHE SKULPTUREN • METALLGESTALTUNG

Texte zur Kunst

DR. CORNELIE  BECKER- LAMERS  ZUR  SKULPTUR.WEIMAR.2012

Im Kulturstadtjahr 1999 begonnen, belebt die nun schon traditionsreiche Ausstellungsreihe „Skulptur . Weimar“ auch 2012 wieder, zum nunmehr vierzehnten Mal, das Stadtbild mit Kunstplastiken im öffentlichen Raum. Die Kuratorin Elke Gatz-Hengst (Galerie Profil Weimar) stellt an den gewohnten Plätzen in der Fußgängerzone, im Kulturbahnhof sowie im Park des Romantikhotels Dorotheenhof Weimar in diesem Sommer einen jungen Metallbildhauer vor, der zwar im Weimarer Land aufgewachsen ist, jedoch über fünf Jahre lang in Berlin lebte und in Luxemburg und den Niederlanden, Österreich und der Schweiz, Frankreich und Italien, Tschechien und ganz Deutschland ausstellte, bevor er nun auch wieder auf Expositionen in Thüringen zu sehen ist: Michael Ernst (*1973) stammt aus einer Familie von Kunsthandwerkern und war nach seiner Ausbildung zum Kunstschmied zunächst auch im väterlichen Betrieb tätig.
Den künstlerischen Zugriff auf seinen Werkstoff hat Michael Ernst sich in weiten Teilen autodidaktisch erarbeitet. Studienaufenthalte in Japan und auf den Britischen Inseln, in Frankreich und wiederholt auch in Portugal führten ihn in konkreter Projektarbeit mit Metallbildhauern und anderen Kunstschmieden zusammen. So hat er den Weg zur fertigen Skulptur etwa in der aktiven Mitarbeit an monumentalen Großplastiken des Ferro Design Ateliers in Loulé/ Algarve Schritt für Schritt mitvollzogen. Beau McClellan von Ferro Design war dabei für Michael Ernst von besonderer Bedeutung. Das im Werk Michael Ernsts bis heute durchgängige Motiv des Flügels allerdings (vgl. besonders die Werkreihe „Wings I – V“ aus den Jahren 2006/ 2008) hat er bereits als eigenen Einfluß in Portugal hinterlassen: Für „Zephirus“, eine kinetische Großplastik von acht Metern Höhe, hat Michael Ernst schon 2001 die beweglichen Flügel von zwölf Metern Spannweite gebaut.
Im Werk Michael Ernsts werden Einflüsse aus seinen Studien zur Kunstgeschichte des 20. Jh.s greifbar. So offenbaren seine „St.Figuren I-XI“ (2009/ 2012), aber auch die Fragilität seiner Stahlkonstruktionen den Eindruck, den das Werk des amerikanischen Konstruktivisten David Smith in dem jungen Künstler hinterlassen hat. Auch Michael Ernsts „Königlicher Vogel“, ein kontinuierlich in Weiterarbeit befindliches Saurierskelett aus metallischen objets trouvés,  hat Smiths „Royal Bird“ (1947) zum konkreten Vorbild. Für Ernsts Vorstellung von einer kinetischen Kunst der langsamen Bewegungen war George Rickey besonders prägend.
In der eigenen Schmiede arbeitet Michael Ernst meist noch in „klassischer“ Handwerkermanier mit Schmiedehammer und Amboß, auf dem er die glühenden Eisenstangen in die vorgestellte Form treibt. So entstehen die durch Keile im aufrechten Stand gehaltenen „St.Figuren“ und die verschiedenen „Knoten“ (2006/ 2011) aus je drei umeinander gewundenen Stahlbändern. Stets sind nur wenige Punkte in den Arbeiten Michael Ernsts geschweißt. In den beweglichen Kunstwerken halten Klingen- oder Kardangelenke, aber auch schlicht das seit Alexander Calder und George Rickey in der Bildenden Kunst bekannte Mobile-Prinzip der ausbalancierten Aufhängung die einzelnen Objekte zusammen.
Denn längst hat die künstlerische Arbeit von Michael Ernst sich von der einfachen Metallplastik fort entwickelt zum kinetischen Objekt. Mit drehbaren kosmischen Modellen („Kosmos I – III “ von 2008/ 2012), dem Astrophone (2010) und dem Klangobjekt „Turntable“  (2011) strebt das Werk langen, kontemplativen Bewegungen zu, in denen die durch Wind oder Berührung aus der Balance gebrachten Massen ihr Gleichgewicht im Zusammenwirken der Naturgesetze wiederfinden. Geradezu lehrbuchhaft führen die „Raumschwingen“ (2006/ 2010) – Objekte wie ein Schaduf, mit dessen Hilfe die alten Ägypter ihre Felder zu bewässern pflegten – die Wirkung von Winkelgeschwindigkeit und Hebelgesetz vor Augen. Die gegenseitige Abhängigkeit der Bewegung verbundener Teile fasziniert an Werken wie dem 4,80 m hohen „Großen Nagelbaum“ (2004/ 2012), bei dem wie in einem umgekehrten Mobile die lang ausgreifenden Arme der hufartigen Vierkantgewichte nur mit feinen Spitzen aufeinander aufruhen. So bringen die Kunstwerke Michael Ernsts die, wie der Künstler selbst sagt, „Ästhetik der natürlichen Ordnung zur Anschauung […]: Das Allgemeine zeigt sich im Besonderen.“
Der „Vogelzirkus“ (2008) und die enzianblau lackierten „Zugvögel“ (2003/ 2010) schließlich markieren den Weg eines wirklich schöpferischen Zugriffs auf die Welt, der dem Werk Michael Ernsts ablesbar ist. Denn wenn die Abbilder von Lebewesen in kinetischen Objekten durch einen Atemstoß des Windes zur Bewegung angeregt werden, erinnert seine Schmiedekunst an die ursprünglich magischen Kräfte, die den Metallgestaltern zugeschrieben wurden: Die Verschmelzung der dem Erdreich abgerungenen Erze Kupfer und Zinn und eine von den Göttern ungestrafte Bearbeitung der Bronze war in prähistorischer Zeit nur für Menschen denkbar, die selbst mit den Göttern im Bunde waren. So gelten den Erzählungen der griechischen Mythologie denn auch die Knechte des Feuergottes Hephaistos, die Schmiede, als Zauberer.
Dr. Cornelie Becker-Lamers, Weimar
 



KATALOGTEXT  2012

„… und die Schmiedekunst ist Zauber“[1]

Zu den kinetischen Objekten des Metallbildhauers Michael Ernst
 
Wer erfand die mechanischen Künste? In der griechischen Mythologie wird dies Athene zugeschrieben, jener Göttin, in deren Heiligtum niemand anders als Hephaistos – als Gott des Feuers der Schmied des Olymp – gemeinsam mit ihr verehrt wurde. Denn man weiß, „daß jedem Werkzeug der Bronzezeit, jeder Waffe und jedem Gebrauchsgegenstand magische Eigenschaften zukamen und daß der Schmied eine Art Zauberer war.“[2] Dichter, Schmiede und Ärzte – alle also, die mit Worten oder Werken neue Welten hervorbrachten und so in die Schöpfung eingriffen – waren in der Antike benachbart und gleichrangig. Dieses Bewußtsein findet sich auch in Brauchtum und Volksglauben Mitteleuropas wieder: Der Dorfschmied, der als Meisterstück die Hufeisen allein nach dem Augenmaß formen muß und die Pferde beschlägt, heilt auch schwindsüchtige Kinder und fesselt Luzifer durch rituelles Tun.[3]
 
Der Schmied ist eine Art Zauberer. Dessen scheint sich Michael Ernst durchaus bewußt zu sein. Michael Ernst ist Kunstschmied, stammt auch schon aus einer Kunsthandwerkerfamilie und rückt in seinem Werk den demiurgischen Zugriff mehr und mehr in den Vordergrund.
Denn längst hat die künstlerische Arbeit von Michael Ernst sich von der einfachen Metallplastik zum kinetischen Objekt weiterentwickelt. Mit kosmischen Modellen wie „Kosmos III“ (2012) oder dem Klangobjekt „Turntable“ (2011) spielt er auf die Werke dessen an, der einst den Göttern ihre glänzende Sonnenscheibe schuf: Hephaistos oder – in Rom dann – Vulcanus, dessen Namen die mythologischen Lexika gerne „von volo, ich fliege“, herleiten möchten, „weil das Feuer ein fliegendes Wesen sey“[4]. „Kosmos I“ (2008) läßt Anklänge an einen Zirkel erkennen, dem neben Hammer und Amboß dritten Werkzeug der Schmiede, wenn sie runde dreibeinige Tische, Scheiben, Schalen und Schilde oder Helme zu fertigen hatten.
Am deutlichsten wird der gleichsam weltenschöpferische Impetus im Werk von Michael Ernst, wenn er Tierfiguren in seinen Mobiles und beweglichen Objekten zum Fliegen bringt. Die „Zugvögel“ (2003/ 2010), sturmerprobt in der Lübecker Bucht, sind drei enzianblau lackierte Figuren an langen Stangen, deren Gegengewicht eine Art breit ausgehämmerter Schwanzflosse bildet. Die Angriffsfläche für den Wind ist in dieser Flosse groß, und so schweben die „Zugvögel“ schon bei schwächeren Böen bewegt durch den Himmel: Bewegung – das ist Leben. Und wenn auch nicht wirklich das Leben der stählernen „Vögel“, so doch die Lebendigkeit des Windes, die in der Bewegung der Figuren sichtbar wird.
Und tatsächlich ringt Michael Ernst in seinem Werk um die Darstellbarkeit der dem Auge verborgenen Ordnungen und Naturgesetze. Jede kinetische Plastik Ernsts muß deshalb durch ihre akzidentielle Gestalt hindurch auf das Prinzip ihrer Bewegung hin betrachtet werden. Bewegung und Beweglichkeit jedes seiner Objekte sind weder Selbstzweck noch Effekthascherei: Ihre Schönheit beruht auf ihrer Angemessenheit und ihre Angemessenheit auf ihrer zuverlässigen Unterordnung unter die Gesetze von Ausgleich und Balance, Kraft und Gegenkraft.
So fasziniert auch der „Vogelzirkus“ (2008) mit seinen aus jeweils einem Stück geschmiedeten drei Tieren, die durch einen Ring zu fliegen scheinen. Die beiden breitflossigen Gegengewichte sorgen für einen Windwiderstand, dessen potentiell zerstörerische Gewalt aber durch den niedrigen Schwerpunkt der Gesamtskulptur durch ebendieselben Flossen wiederum aufgefangen wird: Naturgesetze im Gleichgewicht, Leben in der Balance. Eine phantastische Konstruktion!
Doch auch der „Großer Nagelbaum“ (2004/ 2012) nimmt den Betrachter gefangen: Mit seinen 4,80 m Höhe und den klobigen, vierkantigen Hufen ist er doch ein äußerst fragiles, umgekehrtes Mobile, dessen Spinnenarme nicht befestigt aneinander hängen, sondern wie mit Fingerspitzen lose aufeinander aufruhen. Wird ein Arm ausgelenkt, bewegt er die anderen mit. Das Werk verdeutlicht die gegenseitige Abhängigkeit der Skulpturenteile, indem es die gegenseitige Abhängigkeit ihrer Bewegungen sichtbar macht.
„Windzange II“ (2003), Windzange IV (2006) und die „Windscheren I und II“ (2007/ 2010) verkörpern die Art von Kunstwerken, die Michael Ernst für seine zukünftige Arbeit projektiert: lang ausgreifende Arme, deren Trägheit jede hektische, kurzlebige Bewegung unterbindet und uns an einer kontemplativen Bewegung des langen Atems teilhaben läßt.
 
Denn ist die Lebenswelt in unserer hektischen Zeit nicht bewegt genug? Diese Frage stellt Guido Magnaguagno in seinem Vorwort zum Katalog der Ausstellung „Bewegliche Teile, Formen des Kinetischen“[5] : Warum mußte nach den ersten Experimenten wie Duchamps „Rotoreliefs“ (1935), nach Alexander Calders und – für Michael Ernst wichtiger: George Rickeys – „Mobiles“ (ab 1930/ 1945) um 1955 die kinetische Kunst noch einmal richtiggehend erfunden werden, wo das Statische des klassischen Objekts und der gefrorene Augenblick des Tafelbildes ihre Ruhe und Geschlossenheit doch so wohltuend den Nicht-Orten und der Schnellebigkeit unserer Umwelt entgegensetzen können?
In der Tat entsprang die Wiederbelebung der Kinetik für die Bildende Kunst Mitte der 50er Jahre zunächst einer Art Ikonoklasmus, einem sarkastischen Impuls der Bilderstürmerei. Doch mit Hans Haackes ventilatorgeblähtem Tuch („Blue Sail“ 1964/65) oder Günther Ueckers „Sandspirale“ (1970) brachte die kinetische Kunst schon bald Werke hervor, die in ihrer kontemplativen Wirkmächtigkeit und den mythologischen Grundlagen ihrer Gestalt als Formulierungen einer Idee gelten können, die auch Michael Ernst umtreibt. Schließlich sind es keine beweglichen Puppen, die Ernst baut, oder lustige Windrädchen, die im Kreise um die Wette sirren. Hephaistos war mit Aphrodite, der Göttin der Liebe, verheiratet: Es geht um mehr als um Spaß und Ablenkung.
 
Was Michael Ernst mit seinen Kunstwerken anstrebt, hat einen spirituellen Kern. Es ist die Versinnbildlichung einer Bewegung, die aus der Ruhe geboren wird und die uns diese Ruhe deshalb mitteilen kann. Wem es gelingt, sich in die Betrachtung etwa der bewegten „Windschere“ zu versenken, wird sich selbst in neue Dimensionen hinein weiten. Etwas wird erfahrbar, das größer ist als der Mensch.
Wie Menschen gerne in stürzendes Wasser schauen, weil dessen Bewegung immer neu und doch immer dieselbe ist, so fasziniert uns die ruhige Stetigkeit, mit der ausgelenkte Gewichte der kinetischen Kunst Michaels Ernsts Pendelschlag für Pendelschlag langsam wieder in eine Balance zurückfinden. Dieser Tanz der Bögen und Kreissegmente, der Kugeln, Scheiben oder Klangschalen macht uns das Kunstwerk durchsichtig für eine Choreographie der Naturgesetze, die alles Irdische in Kraft und Gegenkraft zuletzt immer der Erdanziehung überantworten. Und wie das Wehen des Windes und der Gang der Gestirne aus der Drehung der Erde resultieren, die für uns Menschen doch stillzustehen scheint, so verweisen die kinetischen Objekte auf das Wesen des Lebendigen als einer ausgeglichenen Abfolge von angemessener Bewegung und zeitweiliger Ruhe.
Die Auslenkbarkeit einzelner Glieder einer Skulptur verleitet uns als mit Spieltrieb begabte Menschen, eine kinetische Plastik auch wirklich in Bewegung zu setzen. Die Faszination, die der Anblick ihrer Rückkehr zu einer Position der Ruhe ausübt, verleitet uns, ihrer Bewegung bis zuletzt zuzuschauen. Versenken wir uns dann  in ihren Anblick, bescheren uns die angemessenen Bewegungen der Skulptur in ihrer Suche nach dem Ausgleich der Kräfte eine Bewußtseinserweiterung, die uns in neue Dimensionen der Wahrnehmung wie der Selbstwahrnehmung führt.
So nehmen kinetische Kunstwerke ihre Betrachter gleichsam bei der Hand, um sie in der Konzentration auf ein Äußeres in eine tiefere Innerlichkeit zurückzuführen – bis zu dem Teil in uns, der größer ist als wir selbst.
Es ist Zauberei.
Dr. Cornelie Becker-Lamers, Weimar
 
[1] Artikel „Schmied“ in: Hanns Bächtold-Stäubli (Hg.) Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd. 9, Sp. 257-265, Sp. 257.
[2] Robert von Ranke-Graves, Griechische Mythologie. Quellen und Deutung, autorisierte deutsche Übersetzung von Hugo Seinfeld … nach der im Jahre 1955 erschienenen amerikanischen Penguin-Ausgabe, Köln 2008, Kap. 23.1, S. 76.
[3] Vgl. Bächtold-Stäubli wie Anm. 1, Sp. 260-262.
[4] Artikel „Vulcanus“ in: Benjamin Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon, reprographischer Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1770, Darmstadt 1996, Sp. 2483-2492, Sp. 2483.
[5] Bewegliche Teile, Formen des Kinetischen : [anläßlich der Ausstellung Bewegliche Teile, Formen des Kinetischen, Kunsthaus Graz am Landesmuseum Joanneum, 9.10.2004 - 16.1.2005 etc.] hg. v. Peter Pakesch und Guido Magnaguano, Köln 2004, S. 7-11, S. 7.

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